BOOK REVIEW

Michael Omasta, Brigitte Mayr, Christian Cargnelli (eds.)
Carl Mayer Scenar[t]ist
Ein Script von ihm war schon ein Film
"A script by Carl Mayer was already a film"

Vienna: SYNEMA -- Gesellschaft für Film und Medien 2003
344 pages, German / English text
ISBN 3901644105

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    Omasta, Mayr, Cargnelli (eds.): Carl Mayer

Abstract in English: The Austrian scriptwriter Carl Mayer (1894-1944) is one of the most important personalities of film history, his name being connected with films such as DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920), DER LETZTE MANN (1924), SUNRISE (1927), or BERLIN, DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927). This wonderful new, big, and richly illustrated book re-examines Mayer's life and work and presents the latest research, full of detailled analyses and surprising new results, including, for instance, the uncovering of new handwritings which could lead to an answer to some of film history's open questions.

Der Österreicher Carl Mayer, geboren 1894 in Graz, gestorben 1944 in London, war der bedeutendste Drehbuchautor des deutschen Stummfilms, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte. Der Kameramann Karl Freund sagte über ihn: "Carl Mayer war der einzige hundertprozentige Filmschreiber, den ich kennen gelernt habe. Der Film war das erste und einzige Medium, in dem er schuf, und die Kamera war das erste künstlerische Instrument, das er benutzte... Wenn man je einem Manne das Verdienst für die besten Filmwerke aus Deutschland zusprechen sollte, so müsste dies Carl Mayer sein." In DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920, Robert Wiene) brachte er den expressionistischen Film, für DER LETZTE MANN (1924, F.W. Murnau) entfesselte er die Kamera, mit SCHERBEN (1921, Lupu Pick), HINTERTREPPE (1921, Leopold Jessner) und SYLVESTER (1924, Lupu Pick) begründete er den Kammerspielfilm, und als ihn einmal Walter Ruttmann nach einer Idee für einen Film fragte, sagte er: "Warum machen Sie nicht einen Film über Berlin -- ohne Story?" -- die Idee zu BERLIN, DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927) war geboren. Seine für das Hollywood-Studio Fox produzierte Filmpoesie SUNRISE (USA 1927, F.W. Murnau) schaffte es vor kurzem in einer Kritikerumfrage nach den zehn besten Filmen aller Zeiten auf Platz 7 (Sight & Sound September 2002). Mayer war auch eine tragische Figur der Filmgeschichte. Als er, als Jude ins Exil getrieben, im Alter von fünfzig Jahren starb, war er arm wie eine Kirchenmaus. Auf dem schlichten Holzsarg, den seine Freunde im Juli 1944 in sein Grab auf dem Londoner Highgate-Friedhof ließen, stand: "He Loved Life."

Jetzt hat seine Geburtsstadt Graz, 2003 Kulturhauptstadt Europas, den verlorenen Sohn entdeckt und im März mit einer Veranstaltungsreihe geehrt, in einer Kooperation zwischen SYNEMA, der wiener Gesellschaft für Film und Medien, und DIAGONALE, dem Festival des österreichischen Films. U.a. las der Schauspieler Otto Sander aus Mayers Drehbuch Sonnenaufgang -- Lied von zwei Menschen, und es gab selbstverständlich eine Retrospektive von Mayers Filmen, inklusive der österreichischen Erstaufführung der restaurierten Fassung des LETZTEN MANNS. Das vorliegende Werk ist das Begleitbuch dieser Veranstaltungsreihe: ein großformatiger Prachtband, reich bebildert, und mit vielen Aufsätzen, die den neuesten Forschungsstand zu Carl Mayer dokumentieren, durchaus vergleichbar den Publikationen, die zu den Berlinale-Retrospektiven erscheinen (siehe unsere Besprechung zur Fritz-Lang-Retrospektive), und durchaus passend in diesem Jahr, in dem die Berlinale-Retrospektive F.W. Murnau galt, dem Partner, für den Mayer sieben Filme schrieb. "Murnau und Mayer. Schon im Zusammenspiel der Namen klingt Harmonie.", schreibt Herausgeberin Brigitte Mayr (S. 27).

Brigitte Mayrs einleitender Aufsatz zu Mayers Biografie (S. 9-52, S. 53-64 gekürzt in englisch) ist es auch, der die beeindruckendste Neuveröffentlichung innerhalb dieses insgesamt lobenswerten Bandes darstellt. Zur Lebensgeschichte Mayers gab es bisher nur einen einzigen Titel in Buchlänge, von Rolf Hempel in den 1960er Jahren mit bemerkenswerter Akribie recherchiert, und Mayr schafft es, diesem etablierten Standardwerk eine Fülle neu recherchierter Details hinzuzufügen. Diese neuen Informationen präsentiert sie in glänzendem Stil, mit sicherem Blick für jene Art von Hintergrundwissen, das uns hilft, aus den schnöden Daten einer Biografie das wirklich Interessante herauszulesen, und mit einer dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werdenden Quellenkritik, die Hempel noch abging: Zwar hatte er vor fast vierzig Jahren die Gelegenheit, noch mit vielen Zeitzeugen zu sprechen oder zu korrespondieren, und es gelang ihm auch, neue Quellen heranzuziehen, die zu der Zeit noch kein anderer Autor verwendet hatte, aber er tat das eben auch oft mit fehlender Distanz, ohne zwischen Anekdoten und Fakten zu unterscheiden. Mayrs Werk ist eine unglaublich genaue Neurecherche, mit treffenden Einschätzungen der Glaubwürdigkeit von Quellen und vielen kleinen Entdeckungen: Wussten Sie z.B., dass ein Schauspielkollege Mayers am Theater in Innsbruck Louis Kaligar hieß, oder dass die berliner Wohnung in der Hektorstraße 6 Mayers Mutter gehörte?

Ein schönes Beispiel dafür, dass die Forschung zu Carl Mayer weiter geht und wie aktuell die neuesten Forschungsergebnisse sind, ist die Suche nach dem Geburtsort der Schauspielerin Gilda Langer, einer Information, der Thomas und ich nachjagen, seit wir im Januar 1995 ihren umgestürzten Grabstein auf dem verschneiten Südwestfriedhof Stahnsdorf gefunden und entdeckt haben, dass die eingemeißelten Noten nicht das Schicksalsthema aus Beethovens Fünfter Symphonie darstellten, sondern das Thema der Liebenden aus Wagners Tristan (Carl Mayer soll heimlich in Gilda verliebt gewesen sein). Bei Redaktionsschluss des vorliegenden Buches waren wir bereits vielen (vielen!) Spuren gefolgt, hatten das brennende Geheimnis des Geburtsortes aber nicht gelöst. Brigitte Mayr ist unabhängig von uns der Sache nachgegangen und hat sogar eine neue Quelle gefunden, die Gilda Langer als "gebürtige Troppauerin" bezeichnet (Neue Kino-Rundschau Nr. 154, 14.02.1920, S. 12). Kurz vor Erscheinen des Buches haben wir dann, wiederum unabhängig von dieser Information, die Lösung gefunden: Gilda Langer wurde am 16.05.1896 in dem kleinen Städtchen Oderfurt in Mähren geboren, 30 km südöstlich von Troppau. Mayr war nah dran!

Zu den Vorzügen des Buches gehört die große Zahl an Fotografien und Reproduktionen von Originaldokumenten, ganz wie bei einem Berlinale-Band. So drucken die Herausgeber einige Seiten aus Mayers Drehbuch DER GANG IN DIE NACHT (1921, F.W. Murnau) (S. 114-115), und einige der seltenen Handschriften Mayers: einen Brief an Herbert Ihering vom 01.12.1922 (S. 28), ein Telegramm an Hermann Sudermann vom 30.09.1927 (S. 34), einen Brief an Paul Czinner vom 22.12.1933 (S. 40-41), außerdem Informationen über weitere solcher Handschriften (siehe Marginalien Nrn. 65, 89, 103, 125), die im Archiv der Akademie der Künste (Berlin), dem Schiller-Nationalmuseum / Deutschen Literaturarchiv (Marbach) und sogar dem Archiv der Kinemathek (Berlin) vorhanden sind. Die Existenz solcher Handschriften, vor allem der aus den 1920er Jahren, war bisher schlicht unbekannt. Und sie ist bedeutend, könnte der Vergleich dieser Dokumente mit den im berühmten CALIGARI-Drehbuch vorhandenen Handschriften doch zeigen, dass Carl Mayer der Urheber einer dieser Handschriften war und damit eine präzisere Einschätzung der Entstehung dieses legendären Films ermöglichen: Waren die Autoren, oder wenigstens Mayer, eben doch so weit in den Produktionsprozess eingebunden, dass sie noch handschriftliche Änderungen an ihrem eigenen Werk vornahmen? Die CALIGARI-Forscher Uli Jung und Walter Schatzberg hatten 1995 ohne Belege anzugeben vermutet, die Änderungen im Drehbuch stammten aus der Hand der beiden Autoren, und dazu die seltsame Bemerkung gemacht, die Handschriften könnten "mangels Schriftproben" nicht identifiziert werden. Von Hans Janowitz gab es seit den 1970er Jahren eine große Anzahl Schriftproben in den Archivkartons der Kinemathek, und von Mayer gab es immerhin ein paar handschriftliche Briefe aus seiner Londoner Zeit (1930er und 1940er Jahre): Zwei Briefe an die Ufa mit Eingangsstempeln vom 10.04.1935 und 06.05.1935 befinden sich im Bundesarchiv Berlin, zwei Briefe an seinen Bruder Otto Mayer, abgestempelt 02.12.1939 und 01.10.1942, im Archiv des Filmmuseums Potsdam. Und nun wissen wir, wo wir ein paar weitere Handschriften finden können, die noch näher an der Niederschrift des CALIGARI-Drehbuchs dran sind.

Den größten Teil des Buches nehmen zehn illustrierte Essays ein (S. 65-206), meist zu einzelnen Filmen, aber auch etwa zu jüdischen Motiven in CALIGARI, Frauenrollen in Filmen Elisabeth Bergners oder dem "Wiener Kreis" (gemeint ist natürlich nicht die so genannte Gruppe analytischer Philosophen um Moritz Schlick in den 1920er Jahren, sondern Carl Mayers Umfeld im Londoner Exil). Das Prunkstück ist Michael Omastas Präsentation zu dem verschollenen Film DER PUPPENMACHER VON KIANG-NING (1923), der dritten und letzten Zusammenarbeit von Mayer und Regisseur Robert Wiene nach CALIGARI und GENUINE (beide 1920). Omasta hat bei einer Recherche im Österreichischen Filmmuseum einen bisher unbekannten Satz mit Standfotos zu diesem Film gefunden, die er hier zusammen mit dem Text der Zensurkarte präsentiert und uns damit den ungewöhnlich intensiven Eindruck eines verlorenen Films verschafft. Protest: Omasta spricht von rund vierzig Standbildern, zeigt aber nur zwanzig. Es folgen ein lexikalischer Teil mit (fünfzig!) Porträts von Filmschaffenden im Exil (S. 217-254), sowie eine umfangreiche Sammlung mit dem Nachdruck seltener zeitgenössischer Texte, u.a. Nachrufe auf Mayer (S. 207-216) und in der Filmografie eine Auswahl zeitgenössischer Kritiken zu allen (!) Mayer-Filmen, inklusive derer, bei denen Mayer, meist ungenannt, als dramaturgischer Berater wirkte (z.B. EMIL UND DIE DETEKTIVE 1931, Regie Gerhard Lamprecht und DAS BLAUE LICHT 1932, Regie Leni Riefenstahl).

Insgesamt ein ganz wunderbarer Band, der die Forschung vorangetrieben und unser Verständnis der Filmgeschichte und des Lebens eines ihrer Protagonisten erweitert hat. Und einfach ein schönes Buch.

OLAF BRILL
22 Aug 2003

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Last update (this page): 21 Jul 2004.

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